Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur,
wer vergessen wird.
(Immanuel Kant)
Die Ergebnisse einer Recherche-Arbeit behandelt u. a. ein Pressebeitrag, dessen zwei Teile am 26. Januar 2008 im Ried-Echo erschienen sind: Gedenktag 27. Januar GERNSHEIM. "Ehrendes Erinnern ist eine Sache des Herzens und des Wissens, braucht Bilder, Namen und Fakten." Darauf weist Marianne Walz mit Blick auf den Gedenktag für die Opfer der NS-Herrschaft am Sonntag (27.) hin. Die Sprecherin der Initiative "Memor" anerkennt, dass ehrenamtlich tätige Heimatforscher dazu beigetragen haben, das Wissen um die Geschehnisse in dunkler Zeit den Nachgeborenen verfügbar zu machen und somit die Erinnerung lebendig zu erhalten. Allerdings gebe es neue Daten und bisher wenig beachtete historische Tatsachen hinsichtlich des politischen Widerstandes gegen das verbrecherische NS-System in der Schöfferstadt. "In Gernsheim wie überall in Deutschland gab es 1933 bis 1945 Männer und Frauen, die sich den Todfeinden des Rechtsstaates entgegen gestellt haben und die dafür ihr Leben gefährdeten oder verloren." Während das Schicksal der "rassisch" Verfolgten vergleichsweise gut belegt und in mehreren Publikationen besprochen werde, sei das Kapitel Widerstand bislang wenig dokumentiert, sagte Marianne Walz im Gespräch mit dem ECHO. Die Verfasser der jeweiligen Abschnitte in den Heimatbüchern würdigten die aufrechte Haltung dreier katholischer Geistlicher: Pater Dionys, Pfarrer Philipp Hillenbrand und Kaplan Paul Ludwig Urban. Im Museum am Schöfferplatz fehle das Thema Widerstand dagegen fast völlig. "So kann der Eindruck entstehen, in Gernsheim habe politischer Widerstand kaum stattgefunden." Nach den Ergebnissen ihrer noch unvollständigen Recherchen treffe dies jedoch nicht zu. Im
Zusammenhang mit dem Widerstand seien weitere Bürger zu nennen:
Philipp Bopp, der ehemalige Vorsitzende der SPD-Ortsgruppe
und Gemeindevertreter, wurde mit Wirkung vom 1. April 1933 wegen seiner
Parteizugehörigkeit der Wahlämter enthoben und am 25. August
1944 in das KZ Dachau verschleppt. Marianne Walz präsentiert nach ihren Nachforschungen weitere Namen: Josef Meister wurde im Mai 1933 wegen "Verächtlichmachen der Regierung" vom Sondergericht Darmstadt zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Friedrich Vowinkel ließ sich im Juni 1941 in Gernsheimer Lokalen pro-amerikanische Äußerungen "zuschulden" kommen und musste dafür sieben Monate ins Gefängnis. Der Grenadier Adam Philipp Wenzel bezahlte für seinen Widerstand gegen den verbrecherischen Raubkrieg mit dem Leben. Er desertierte, fertigte Anti-Kriegs-Flugblätter und wurde gefasst. Ein Kriegsgericht verurteilte den jungen Familienvater im August 1943 zum Tode. Er wurde am 3. November im Strafgefängnis Frankfurt Preungesheim enthauptet. Den Namen eines Gernsheimers fand die "Memor"-Sprecherin auf der Liste des KZ Osthofen: Georg Lautenschläger. "Ein Häftlingsverzeichnis wurde leider nicht überliefert Etwa die Hälfte der Namen der Inhaftierten konnte mündlich oder aus anderen Quellen rekonstruiert werden", erklärt Angelika Arenz-Morch, Leiterin des Archivs im NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz/ Gedenkstätte KZ Osthofen. Im Groß-Gerauer Kreisblatt vom 13. Juli 1933 findet sich die Notiz: "In Schutzhaft genommen und nach Osthofen verbracht: Arbeiter Lautenschläger wg. beleidigender Äußerungen gegen die NSDAP." Nach
dem Einzug der Alliierten verfügte die amerikanische Militäradministration,
dass anerkannte aktive Widerständler mit Sonderzuteilungen an
knappen, lebensnotwendigen Gütern versorgt werden. Eine Liste
der Kreisbehörde vom 10. Februar 1948 enthält unter "Gernsheim"
acht Namen. Die Kartei der nach dem "Sonderfondgesetz" Begünstigten
enthält weitere Angaben: Täterlaufbahn GERNSHEIM. Im Zusammenhang mit ihren Recherchen zum Widerstand gegen die Nazis weist Marianne Walz - Autorin über die Zeit des Dritten Reiches im Heimatbuch Gernsheim - auch auf eine in der Schöfferstadt begonnene Täterlaufbahn hin: Der aus Darmstadt stammende Werner Best war 1931 Richter am Gernsheimer Amtsgericht. So ist es dem zweiten Abschnitt seiner programmatischen Schrift zu entnehmen, die unter der Bezeichnung "Boxheimer Dokumente (so genannt nach dem Versammlungslokal bei Bürstadt)" in die Geschichte einging. Am 1. August 1931 waren unter krisenhaften wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen lautstarke Proteste in Gernsheim zu Unruhen eskaliert. Bürgermeister Lichtel rief zu Ruhe und Ordnung auf und veranlasste die Bildung einer Bürgerwehr. Der
beamtete Jurist Dr. Werner Best aber findet nach eigener Darstellung
in diesen Ereignissen den Anlass zum Verfassen und Verbreiten der
"Boxheimer Dokumente". Darin entwirft er - zwei Jahre vor
der Machtergreifung der Nazis - ein Szenario zur gewaltsamen Liquidierung
des demokratischen Staatswesens. "Best
avancierte weiter, wurde SS-Obergruppenführer und oberster Rechtsberater
der Gestapo. Seine Schuld an Massenmorden gegen jüdische, polnische,
französische und dänische Menschen gilt nach gerichtlichen
Untersuchungen als erwiesen." Dennoch kam Best ab 1951 mehrfach
in den Genuss von Begnadigungen bzw. Haftverschonung und starb 1989,
ohne eine nennenswerte Strafe verbüßen zu müssen.
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